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Als meine Tochter auf die Welt kam, habe ich beschlossen, sie niemals anzulügen. Keine große Lügen und keine kleinen Flunkereien. Wenn Sie mich also vor dem Abendessen mit vollem Mund erwischt und fragt “Mama, was hast du da gegessen?”, dann antworte ich wahrheitsgemäß “Ein Stück Schokolade”. Was dann folgt, könnt ihr euch ausmalen 🙂

Aber wie ist das nun mit Weihnachten?!

Eine Freundin von mir hat alle Feiertagsgeschichten wie Nikolaus, Ostern und eben Weihnachten sehr konsequent umgesetzt und ihren Kindern vom ersten Tag an erzählt, dass dies nette Geschichten sind, die man sich an den entsprechenden Feiertagen erzählt und an die manche Menschen, vor allem kleine Kinder, auch glauben, die aber nicht wahr sind. Die Folge waren endlos lange Diskussionen mit der Familie und vor allem mit anderen Eltern. Denn die Kinder der Freundin hatten ihr Wissen natürlich im Kindergarten kundgetan und verteidigt und dort für einigen Unmut unter den anderen Kindern, aber vor allem deren Eltern und in der Folge auch bei der Kindergartenleitung gesorgt. Es wurden Sonder-Elternabende einberufen: Besagte Freundin würde den Geist von Weihnachten kaputt machen und anderen Familien damit das Fest und die Vorfreude verderben. Das finde ich Blödsinn und das macht für mich nicht das wohlige Gefühl aus Vorfreude, Naschereien, Familie und Weihnachtsliedern aus, womit ich das Weihnachtsfest verbinde. Aber es hat mich auf jeden Fall abgeschreckt, den harten Weg zu gehen.

Auf der anderen Seite kann ich mich noch gut daran erinnern, welche Angst mein kleiner Bruder früher vor als Weihnachtsmann verkleideten Männern hatte. Und ich kann mich noch gut an das Gefühl aus Scham und Demütigung erinnern als andere Kinder mir im Kindergarten die Wahrheit erzählten. Ich wollte das damals nicht glauben und habe die Geschichte verteidigt, schließlich hatten meine Eltern mir erzählt, dass der Weihnachtsmann die Geschenke bringt und bewertet, ob ich ein braves oder böses Mädchen war. Die Enttäuschung, dass meine eigenen  Eltern mir nicht die Wahrheit gesagt haben, wollte ich meiner Tochter gern ersparen.

(Natürlich ist es manchmal verlockend, den Weihnachtsmann als letztes Druckmittel einzusetzen, aber wenn ich mein Kind nicht zur Kooperation überzeugen kann, dann hilft mir auch kein Weihnachtsmann mehr und Erpressung ist für mich sowieso keine Lösung.)

Ein weiterer Aspekt, den ich nicht an der Geschichte vom Weihnachtsmann mag, ist die Einteilung in gut, brav, artig und böse, unartig. Aus meiner Sicht können kleine Kinder nicht böse oder unartig sein. Sie tun nichts, um jemanden zu ärgern oder zu verletzen. Sicher setzen sie oft genug ihren eigenen Willen durch und der muss nicht meinem entsprechen, aber das nenne ich höchstens willensstark oder stur, aber nicht böse.

Was also tun? Von Anfang erzählen, dass es keinen Weihnachtsmann gibt oder mitmachen bei der Geschichte. Ich habe versucht, den Mittelweg einzuschlagen und habe meiner Tochter nicht die Geschichte vom Weihnachtsmann, der die Geschenke bringt, erzählt. Sondern immer Formulierungen gewählt wie “Wir feiern Weihnachten mit der Familie und es gibt ein paar kleine Geschenke.” Immer, wenn wir irgendwo einen als Weihnachtsmann verkleideten Mann gesehen haben, habe ich ihr erklärt, dass er nur verkleidet und nicht echt ist, damit sie sich nicht fürchtet. Aber ich habe leider ihr Umfeld völlig unterschätzt. Denn von allen Seiten, egal ob Kindergarten, Freunde, Großeltern, alle erzählen ihr die Geschichte vom Weihnachtsmann. Oma und Opa erzählen, sie hätten den Weihnachtsmann unterwegs getroffen und der hätte ihnen Geschenke für die Kleine mitgegeben. Oder die Freunde, die sich gegenseitig zeigen, was sie alles vom Weihnachtsmann gebracht bekommen haben. Heute weiß ich, ich hätte sie viel konsequenter aufklären und vor allem zumindest in der Familie die Märchenstunde unterbinden müssen. Einen Mittelweg, bei dem ich niemanden vor den Kopf stoße, meine Tochter aber trotzdem nicht anlüge, gibt es leider nicht. Heute habe ich keine Chance mehr aus der Nummer wieder rauszukommen. Sie glaubt so fest daran, dass sie uns nicht einmal verraten möchte, was sie sich zu Weihnachten wünscht, weil der Weihnachtsmann das ja ohnehin schon wüsste.

Der Mittelweg hat also leider nicht funktioniert. Wie macht ihr das? Erzählt ihr konsequent die Wahrheit oder macht ihr mit bei der Geschichte vom Weihnachtsmann?

1 Antwort
  1. Christin
    Christin sagte:

    Über das Artig rege ich mich auch immer riesig auf. Dieses ” wenn du nicht funktionierst, wirst du nicht vom Weihnachtsmann gemocht”. Mein Mann und ich haben auch beschlossen, unsere Kinder nicht anzulügen. Gleichzeitig mag ich die Geschichte vom Weihnachtsmann und er kommt sogar jedes Jahr zu uns (wir feiern mit meinem Neffen zusammen, der an ihn glaubt). Das hat dazu geführt, dass meine Große bis sie drei war an ihn glaubte, mit vier zweifelte, weil wir ihr ja immer erzählten, dass sich nur jemand als Weihnachtsmann verkleidet, der aber total echt aussieht und nun mit fünf hat sie es raus. Wir reden immer mal wieder darüber, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Meine Dreijährige sitzt daneben, hört zu und wenn man sie hinterher fragt, ob es den Weihnachtsmann gibt, sagt sie völlig überzeugt: “Ja.” 😀 Wenn sie soweit ist, wird auch sie uns glauben und nicht mehr unseren Weihnachtsbüchern und all dem, was sie zur Weihnachtszeit sieht. Meiner Großen habe ich erklärt, dass es viele Kinder gibt, die nicht wissen, dass der Weihnachtsmann nur ausgedacht ist und wir es den Eltern überlassen, es zu erzählen. Keine Ahnung, ob sie sich daran hält. Zumindest kam bisher keine Beschwerde aus der Kita 😀

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