Helikoptern ist inzwischen verpönt, die Kinder vom Ballett zum Turnen, dann zum Vorschulenglischunterricht schleppen und Geige oder Klavier sollen sie bitte auch noch spielen – da sind sich die meisten Eltern einig, dass das zu viel ist. Und zumindest in den sozialen Medien werden die Stimmen immer lauter, die Kinder sollen doch bitte wieder Kinder sein dürfen. Spielen, Toben und sich auch mal dreckig machen.

Dafür gibt es – zumindest in unserem Umfeld – einen neuen Trend: Vorschularbeit. Der Kindergarten wird danach bewertet und ausgewählt, wo die Kinder am Besten auf die Schule vorbereitet werden. Zu Geburtstagen und zu Weihnachten werden sich Vorschulspiele und Vorschulbücher gewünscht – denn die Dinger sind auch ganz schön teuer. Zur optimalen Vorbereitung auf den Ernst des Lebens gehören nicht nur Konzentrations- und Schreibübungen, sondern auch stillsitzen und ruhig sein. Echt jetzt?! Reicht es nicht, dass die Kinder für die nächsten 10 bis 60 Jahre (wenn man das Berufsleben mit einbezieht) still sitzen müssen? Nein, da fangen wir am Besten gleich schon im Kindergarten damit an. Und die Eltern finden es toll und üben auch noch zu Hause. Dabei gibt es inzwischen genügend Studien, die belegen, dass Bewegung die Aufnahmefähigkeit und das Konzentrationsvermögen fördert – und das auch direkt im Unterricht.

Und habt ihr euch mal diese Vorschulbücher angeschaut. Ich finde die Übungen für 5- und 6-jährige Kinder ganz schön kompliziert. Da sind Spiele dabei, wo die Kinder ein Wort markieren sollen, das mit einem bestimmten Buchstaben anfängt usw. Derartig abstrakte Vorstellungskraft würde ich frühestens ab Ende der ersten Klasse erwarten. Aber das Buch für 5-Jährige!

Die Folge ist ein regelrechtes Wettrüsten unter den Eltern. Letztes Jahr haben Freunde von uns stolz verkündet, dass ihre 4-jährige Tochter schon ihren Namen schreiben kann. Na und?! Heimlich wird zu Hause geübt und fleißig Vorschulhefte durchgearbeitet. Im “Optimalfall” kann das Kind schon schreiben und lesen, BEVOR es in die Schule kommt. Ich habe schon 6-jährige Kinder gesehen, die fließend ihnen unbekannte Kinderbücher vorgelesen haben. Das haben sie sich angeblich alles allein beigebracht. Wer’s glaubt…

Doch wie geht es diesen Kindern in der Schule? Ich kann mir gut vorstellen, dass sie sich die ersten beiden Schuljahre langweilen, denn der Lehrer hat kaum etwas Neues auf dem Lehrplan, das er ihnen beibringen kann. Und dann verknüpfen sie mit Schule gähnende Langeweile und im schlechtesten Fall schalten sie völlig ab, auch in den Jahren danach.

Auf der anderen Seite steht die Befürchtung, dass das eigene Kind in der Schule abgehängt wird, weil alle anderen schon lesen und schreiben können. Der entsprechende Schaden für das Selbstbewusstsein wäre vorprogrammiert und auch diese Kinder hätten keinen Spaß an der Schule.

Aus meiner Sicht ist es Zeit, dass das Schulsystem grundlegend überarbeitet wird. Das Unterrichten in Fächern und nach landesweiten Lehrplänen ist überholt, Schule beginnt oftmals zu früh und lässt den Kindern neben Hausaufgaben und Lernen gar keine Freizeit mehr. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Kinder nur zu fleißigen Arbeiterbienchen herausgezüchtet werden sollen. Bloß nicht zu viel denken und zu viele Fragen stellen, schön im Gleichschritt marschieren und konsumieren, was uns die Werbung vorgibt.

Aber ich möchte, dass meine Kinder selbstbewusst und entsprechend ihrer Interessen und Begabungen gefördert werden. Nicht jeder kann ein Mathe- und Physik-Ass sein und gleichzeitig 3 Sprachen sprechen. Stattdessen sollen sie lernen, in Zusammenhängen zu denken, über den Tellerrand zu schauen und sich Inhalte selbst erarbeiten können. Und vor allem sollen sie Spaß daran haben und die Erfahrung machen, dass sie alles lernen und begreifen können, wenn sie nur wollen. Vor einiger Zeit habe ich ein Gespräch mit meiner Tochter darüber geführt, ob sie noch weiter zum Tanzen gehen möchte. Eigentlich ist es ihr nach dem Kindergarten zu anstrengend, aber sie hat Angst, dass sie sonst nie tanzen lernen kann, wenn sie jetzt nicht weiter macht. Als ich ihr gesagt habe, dass sie auch noch Tanzen lernen kann, wenn sie so alt ist wie ich, hat sie mich ungläubig aus großen Augen angeschaut. Das finde ich sehr traurig, der Mut am Lernen und etwas Neues auszuprobieren ist ihr jetzt schon genommen worden. Daran werden wir noch arbeiten, aber nicht am Vorschulwissen!

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