Kinder im Mittelpunkt

So weit ich weiß, ist die Stilldemenz nicht wissenschaftlich bewiesen, aber im Freundes- und Bekanntenkreis hört man immer wieder davon. Und spätestens wenn einen die Schwangerschaftsdemenz – ja, die gibt es auch – erwischt hat, bekommt man eine Vorstellung davon. Das Seltsame an der Stilldemenz ist, dass sie sich rückwärts entwickelt. Sie beginnt mit der Geburt des Babys auf der höchsten Stufe und wird nach und nach wieder besser.

Phase 3

Herzlichen Glückwunsch, dein Kind hat soeben das Licht der Welt erblickt. Du bist auf den ersten Blick bis über beide Ohren in dieses kleine, runzlige, schreiende Wesen verliebt. Und du bekommst nichts mehr mit. Was hat der Arzt vorhin gesagt? Weg. Deine Schwiegermutter war zu Besuch. Echt? Es ist gelöscht. (Stildemenz kann also auch gute Seiten haben 😉 ) Jedes Mal, wenn du dieses Kind anschaust, vergisst du die ganze Welt um dich herum. Das bleibt auch noch ein paar Wochen so, setzt sich also zu Hause fort. In dem Rhythmus aus Stillen, Wickeln und hoffentlich Schlafen bleibt kein Platz für irgendwelche anderen Gehirnaktivitäten. Geburtstage vergisst du grundsätzlich bis hin zu den Einladungen oder ob du zugesagt hast oder nicht. Es ist wie eine Art geheime Reset-Taste für deinen Verstand. So bald das Baby auch nur ein Geräusch von sich gibt, ist in deinem Kopf Tabula rasa, die Milch schießt ein (Stilleinlagen nicht vergessen!) und dein Körper schaltet auf Autopilot. Das funktioniert auch mit fremden Babys. Alle Gedanken werden auch gelöscht, wenn du IRGENDEIN Kind weinen hörst. Oder wenn jemand nur das Wort “Baby” sagt…

Phase 2

Langsam wird es ein bisschen besser. Dein Baby ist jetzt ein paar Wochen alt und du kannst dich zumindest wieder daran erinnern, ob du heute Morgen schon Zähne geputzt hast. Manchmal zumindest. Oder welcher Wochentag heute ist, plus minus einen Tag. Zumindest die U-Untersuchungen und andere wichtige Termine bekommst du nun wieder auf die Reihe. Jetzt kannst du dich sogar wieder verabreden und gehst auch wirklich hin. Aber die Reset-Fähigkeit bleibt. Von einem Zimmer ins nächste gehen und immer noch wissen, was du tun wolltest, funktioniert immer noch nicht. Wenn du wichtige Gespräche hast oder dir etwas merken möchtest, dann darfst du auf keinen Fall dein Kind dabei anschauen. Merken und Kind schließen sich aus.

Ein kleiner Tipp am Rande: Weihnachts- oder Ostergeschenke nicht irgendwo im Haus verstecken, die findest du sonst erst wieder, wenn dein Kind auszieht. Am Besten packst du alles an immer denselben Ort und sagst deinem Partner Bescheid, wo das ist.

Phase 1

In Phase 1 kommst du erst an nach dem Abstillen. So lange du stillst, bleibst du in Phase 2, da brauchst du dir gar keine Hoffnung machen. Wenn dich der chronische Schlafmangel oder irgendwelche Kinderkrankheiten nicht umhauen, dann funktioniert dein Kopf einigermaßen.  Vergesslich bist du immer noch. Geburtstage fallen dir eine Woche zu spät wieder ein, egal wie viele Erinnerungen du in deinem Handy gespeichert hast. Und gelegentliche Blackouts gehören leider auch immer noch dazu. Ob du den Brief fürs Finanzamt wirklich zur Post gebracht hast, wirst du erst merken, wenn sich das Finanzamt bei dir meldet.

Die gute Nachricht: Rein theoretisch kannst du wieder am sozialen und Berufsleben teilnehmen.

Die schlechte Nachricht: Phase 1 hält von nun an wahrscheinlich für den Rest deines Lebens an. Eventuell endet sie, wenn dein Kind auszieht. Ich werde berichten, wenn es so weit ist…

An all meine Freunde: entschuldigt die vielen vergessenen Geburtstage und wenn ich euch alles zweimal frage, nehmt es mir nicht übel.

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